Freitag, 7. Oktober 2022
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FIA ETCR
17.09.2022

Adrien Tambay erklärt das Lenkrad des CUPRA e-Racer

Ein letzter Impuls fehlt noch: Vor dem Finale der FIA ETCR vom 23. bis zum 25. September am Sachsenring steht das Team CUPRA EKS vor der Krönung und CUPRA Pilot Adrien Tambay liegt auf der Pole-Position für den Titel „King of the Season“. Der Franzose blickt hoch motiviert auf das letzte Rennen der Saison und gibt mit seinem Fachwissen zum High-End-Lenkrad des CUPRA e-Racer einen Einblick in die technischen Hintergründe des vollelektrischen Rennboliden.

Kaum ein Bauteil eines modernen Fahrzeugs repräsentiert die Weiterentwicklung der Technik so wie das Lenkrad, das sich vom bloßen Steuerrad zum Hightech-Multicontroller entwickelt hat. Im CUPRA e-Racer ermöglicht es dem Piloten, mit möglichst geringem Aufwand alles zu bedienen, ohne dabei die Hände vom Lenkrad zu nehmen. Die Anordnung der Knöpfe ist dabei auf eine möglichst intuitive Bedienung angelegt.

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Mit rund 14 Einstellungsoptionen ist das Lenkrad des CUPRA e-Racer durchaus komplex, aber dennoch übersichtlich. „Vergleicht man das Lenkrad mit der Formel E oder der Formel 1, dann ist es doch recht einfach aufgebaut. Ich will es mal so sagen: Wir haben weniger Tools, mit denen wir spielen können“, so Adrien Tambay. „Wenn man es aber mit einem normalen Serienfahrzeug vergleicht, ist es für die meisten Menschen immer noch kompliziert.“

Das Äquivalent in der Serienproduktion ist derzeit der vollelektrische CUPRA Born. Sein Multifunktionslenkrad hat zwar 17 Funktionstasten. Diese beziehen sich allerdings nur auf fünf Bereiche: die automatische Distanzregelung, den Travel Assist, den Geschwindigkeitsbegrenzer, die Sprachsteuerung und die Musiksteuerung sowie die Fahrprofilauswahl und die Hupe. Rennsportfeeling kommt im ersten vollelektrischen Fahrzeug der Marke im sogenannten CUPRA Modus auf, der am Lenkrad mit dem CUPRA Symbol betätigt werden kann. Dadurch wird auch die e-Boost-Funktion aktiviert, die eine zusätzliche Leistung von 20 kW (27 PS) per Kickdown mit dem Gaspedal entfaltet. „Es ist dem Power-up, das uns im CUPRA e-Racer zur Verfügung steht, tatsächlich sehr ähnlich“, erklärt Tambay. „Allerdings bekommen wir durch den Power-up-Modus 150 kW mehr Leistung, was mehr als 200 PS entspricht. Dadurch wird das Auto mit einem Knopfdruck zu einem völlig anderen Fahrzeug.“

Diese Lenkrad-Funktionen müssen die ETCR-Fahrer beherrschen

Mit seinem Antriebs- und Batterie-Paket erreicht der CUPRA e-Racer im Rennen eine Spitzenleistung zwischen 300 und in der Spitze 450 kW (408 und 680 PS). Der Power-up-Modus ist dabei der spezielle Kniff. Er steht den Fahrern als Zusatzboost für 40 Sekunden pro Rennlauf zur Verfügung und erhöht die Maximalleistung kurzfristig auf 450 kW. Durch die enorme Kraft gelangt der CUPRA e-Racer so in 3,2 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Damit ist die ETCR die leistungsstärkste Fahrzeugklasse im aktuellen Tourenwagen-Motorsport.

Der Power-up-Modus führt vor allem zu einem taktisch interessanteren Rennen und mehr Überholmanövern. „Es ist wichtig für die Strategie, für das Überholen“, bestätigt Tambay – begeistert von der Möglichkeit, die der Power-up-Modus bietet. „Bei jeder Strecke muss man neu entscheiden, wo man ihn einsetzen kann. Und bei jedem einzelnen Lauf muss man neu entscheiden, wann man ihn einsetzen will.“ Bevor Tambay sich aber auf die Strategieentwicklung der Rennen konzentrieren konnte, musste er zunächst seine Hausaufgaben erledigen und die gesamte Funktionsbreite des Fahrzeugs und seiner Bedienung verinnerlichen.

„Dafür gibt es tatsächlich ein Handbuch, das den Fahrern alle Knöpfe erklärt. Vor der Saison lernt man das, aber es geht dann schnell in den natürlichen Ablauf über und die Bedienung geschieht schließlich intuitiv.“ Die Funktionen am Steuer sind dabei für alle Piloten gleich gebaut. „Wir Piloten sind in die Entscheidungen einbezogen, welcher Knopf wie belegt werden sollte, aber wir nutzen alle dasselbe Lenkrad. Da wir zum Teil dasselbe Auto fahren, wäre es kompliziert, unterschiedliche Lenkräder zu haben. Zur besseren Übersichtlichkeit und Zusammenarbeit haben wir die gleichen Spezifikationen.“
Der CUPRA e-Racer aus der aktuellen ETCR-Saison

Adrien Tambay erklärt, wozu welcher Knopf am Hightech-Lenkrad des vollelektrischen CUPRA e-Racer dient:
 
  • RADIO – Team-Radio: „Das ist einer der wichtigsten Knöpfe. Die Ingenieure helfen dir, ein klares Bild davon zu erhalten, wie das Rennen läuft, und das alles in Echtzeit. Vor dem Rennen bespricht man die Kommunikationsstrategie, also wie oft man auf Stand gebracht werden will – zum Beispiel drei Mal pro Runde. Das ist Teil des Plans, den man gemeinsam für ein Rennen macht. Während des Rennens geht es konkret darum, wann man die Extra-Power nutzen könnte. Man wird darüber informiert, wer wo ist und wie viel Power-up derjenige noch zur Verfügung hat.“
  • TV – TV-Radio: „Das ist ein gemeinsamer Kanal für alle Piloten, über den man quasi zu jedem Fahrer sprechen kann und der auch mit dem Fernsehsender verbunden ist. Es ist ein Gimmick, ein cooles Feature, mit dem man so direkt mit dem Kommentator in Verbindung treten kann. Ich habe es bisher nur nach dem Rennen benutzt, um ein kleines Interview zu geben, während ich noch im Auto sitze und fahre. Manche Fahrer haben es auch schon mal während des Rennens benutzt.“
  • FAN – Ventilator im Cockpit: „Es geht dabei nicht um die Temperatur, sondern darum, Luft ins Auto zu lassen. Wir haben keine Fenster, die man herunterfahren lassen kann. Daher kann es sein, dass die Luft während des Rennes sehr stickig wird und das Atmen erschwert. Ich nutze das hin und wieder, einfach, um frische Luft zirkulieren zu lassen. Es hat keinen Effekt auf die Batterie, man kann es auch die ganze Zeit angeschaltet haben, aber jeder Fahrer nutzt die Luftzufuhr individuell.“   
  • FCY – Full course yellow (Geschwindigkeitsbegrenzer): „Das ist ein Speedlimiter, der die Geschwindigkeit auf 80 km/h begrenzt. Er kommt ins Spiel, wenn eine Gelbe Flagge (full course yellow) gezeigt wird. Bisher hatten wir den Fall noch nicht, deshalb habe ich diesen Knopf noch nie betätigt.“
  • PWR-UP – Power-up: „Das ist der beste Knopf, den es gibt. Er ist wichtig für die Strategie und bringt Spannung in das Rennen. Der Power-up-Knopf bringt dir einfach die Power, um ein Überraschungsmanöver zu starten, zu überholen oder eine Lücke entstehen zu lassen. Das ist eindeutig der Knopf, der am meisten Spaß macht.“
  • FLASH – Lichter blinken: „Damit kann man die Lichter vorne aufleuchten lassen. Man kann damit ein Signal geben oder einfach Druck auf den Vordermann machen.“  
  • WIP – Scheibenwischer, selbsterklärend
  • PIT – Geschwindigkeitsbegrenzer für die Boxengasse: „Der PIT-Schalter begrenzt die Geschwindigkeit des CUPRA e-Racer automatisch auf 50 km/h, um eine Strafe für zu schnelles Fahren in der Boxengasse zu vermeiden.“
  • Die zwei drehbaren Schalter in der Mitte sind für die Leistungseinstellungen und die Einstellungen zur Traktionskontrolle: „Wir überlegen uns in der Vorbereitung, welche Einstellung am besten zu der Strecke passt. Die Einstellung ist aber sehr stark von den Vorlieben des einzelnen Fahrers abhängig. Jeder Fahrer wählt selbst, wie viel Traktion er zum Beispiel bevorzugt. Manche Fahrer ändern an einem Rennwochenende immer wieder die Einstellung, andere belassen es bei ein und derselben – ich bin da ziemlich konstant. Ich habe meine Einstellung für das Rennen und bleibe dann auch dabei.“
  • Die Pedal-Schalter hinter dem Lenkrad sind mit dem Power-up und der Traktionskontrolle belegt: „Die nutzt jeder Pilot intuitiv. Meist ist es einfacher, den Power-up-Pedal-Schalter zu benutzen als den auf dem Lenkrad.“

Die Piloten nutzen die einzelnen Bedienelemente zwar recht unterschiedlich, aber vor allem der Power-up-Button verspricht für Adrien Tambay, Mattias Ekström, Jordi Gené und Tom Blomqvist puren Spaß und für die Zuschauer*innen Spannung im Rennen. Auf die Frage, ob ihm noch ein Knopf fehlen würde, den es eigentlich geben sollte, überlegt der Franzose kurz und antwortet dann mit einem Lächeln: „Ja, vielleicht einen für Bananenschalen, wie bei Mario Kart, das wäre toll!“
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