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Sonstiges
18.12.2018

Der Nürburgring – die „Grüne Hölle“

Die legendäre Nordschleife – erbaut mitten in der Eifel – versprüht seit ihrer Eröffnung bei Fahrern und Fans ganz besondere Gefühle. Viele fürchten sie, aber alle verehren die Strecke, die einst von Formel-1-Pilot Sir Jackie Stewart auf den Namen „Grüne Hölle“ getauft wurde. Auch heute ist die Nordschleife immer noch ein Gradmesser für Motorsport und die Automobilindustrie. Viele Piloten versuchten, die Strecke seit ihrer Eröffnung zu bezwingen. Manche gingen in die Geschichte ein, aber viele mussten den Rausch der Grünen Hölle mit ihrem Leben bezahlen. Doch was macht den Nürburgring eigentlich so besonders und wo liegt der besondere Reiz der Strecke? 

Fakt ist, der Mensch liebt die Herausforderung und so entstand auch der Wettbewerb. Anfangs noch mit dem Moped auf der Straße unterwegs, suchten die waghalsigen Piloten schnell nach größeren Aufgaben: Die Fahrzeuge mussten schneller werden, die Strecken schwieriger und die Manöver riskanter. Zusätzlich erkannte man, dass der Motorsport populär wurde und auch finanziell große Erfolge bringen konnte. So wurden die Rennen von der Landstraße auf Rennstrecken verlagert. Über viele Jahre wurde der Motorsport professioneller und viele Rennstrecken wurden durch große asphaltierte Auslaufzonen, extrem breite Fahrbahnen und langweilige Streckenlayouts entschärft. Doch der Nürburg-ring konnte trotz vieler Umbau- und Sicherheitsmaßnahmen weiterhin seinen Charm behalten und genau das ist es, was den Nürburgring und besonders die Nordschleife so einzigartig macht. 

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Auch heute noch haben die Piloten das Gefühl, auf einer Landstraße zu fahren. Die kleinen Auslaufzonen und die dahinter wartenden Leitplanken verstärken dieses Empfinden. Dazu kommen die starken Steigungen und Gefälle. Diese kombiniert mit den einzigartigen Kurven der Nordschleife machen den Reiz der Strecke aus und sorgen für ein besonderes Erlebnis. Jackie Stewart beschrieb das Nürburgring-Erlebnis einst mit folgenden Worten: „In sieben Minuten um den Nürburgring, da erlebt jeder Rennfahrer Abenteuer, Spannung, Horror, Naturgefahren und Verbundenheit mit seiner Maschine. Mehr als andere in ihrem ganzen Leben.“


Geschichte: Teststrecke durch die Eifel

Wie begann das eigentlich alles mit dem Nürburgring? Die ersten Arbeiten an der Rennstrecke, waren der Kahlschlag des Galgenkopf, welcher am 27. April 1925 erfolgte. Dieser Tag ist der eigentliche Geburtstag des Nürburgrings, denn erst zehn Tage später konnte der Vertrag zwischen dem Kreis Adenau und dem ADAC über den Bau der Rennstrecke und der Veranstaltung von drei bis vier Rennen unterschrieben werden. Am 18. Mai beschloss der Kreis Adenau den Bau der Rennstrecke und die Bauleitung wurde an ein Ingenieurbüro übertragen. Der Grundstein, der heute vor dem Dorint-Hotel zu finden ist, wurde am 27. September 1925 gelegt.

Neben den Rennen wurde bei der Planung damals schon berücksichtigt, den Nürburgring für Testfahrten der Autoindustrie zu nutzen und so entstanden vier Streckenvarianten: die Gesamtstrecke mit einer Länge von 28,265 km, die Nordschleife mit 22,810 km, die Südschleife mit 7,747 km und die Start-/Zielschleife mit einer Länge von 2,292 km, die durch ihre überhöhten Kurven besonders für Motorradrennen genutzt werden sollte. In einer Rekordzeit von unter zwei Jahren wurde das Projekt fertiggestellt und vor über 80.000 Zuschauern am 18./19. Juni 1927 mit einem Rennen auf Nord- und Südschleife eröffnet.

Der Bau des Nürburgrings kostete rund acht Millionen Reichsmark und wurde in Höchstzeiten von 2.500 Menschen im Rahmen von Notstandsarbeiten der preußischen Erwerbslosenfürsorge erbaut. Eine Besonderheit der Strecke war die Fernsprechanlage für den Sanitäts- und Beobachtungsdienst. Auf der Strecke waren in zehn Blockhäusern (später 16 Hauptposten) die Hauptbeobachter und Sanitäter untergebracht. Zwischen den Häusern gab es Hilfsbeobachter, diese konnten an Streckenpfosten mit anmontierter Steckdose ihre tragbaren Fernsprecher einstecken und den nächsten Hauptbeobachterposten verständigen. Verbunden wurden die Anlagen mit 45 km Fernsprechkabel, um den mutigen Piloten für die damalige Zeit die bestmögliche Sicherheit zu bieten. 


Auf Umbau und Pleite folgte der Verkauf

Damals gebaut, um die Wirtschaft in der Eifel anzukurbeln, sollte der Nürburgring von der Politik weiter gestärkt werden. Das ganze Jahr über sollten Besucher an den Nürburgring gelockt werden und für Einnahmen sorgen. Dafür sollte eine neue Erlebnis-Welt mit Achterbahn, Kino, verschiedenen Shops, Restaurants, Diskotheke und einem Erlebnis-Museum geschaffen werden.

Im November 2007 starteten unter anderem Finanzminister Ingolf Deubel (SPD) und Nürburgring-Hauptgeschäftsführer Walter Kafitz mit dem Spatenstich offiziell den Ausbau der Strecke zu einem ganzjährigen Freizeit- und Businesszentrum. Was folgte, war eine Steuergeldvernichtung, die ihresgleichen sucht. Über 300 Millionen Euro Steuergeld wurden in das Projekt und die Bauwerke investiert, die heute bereits teilweise wieder abgerissen sind oder nicht mehr funktionieren. Sinnbildlich für das ganze Projekt steht der Ring-Racer: Er sollte die schnellste Achterbahn der Welt werden, aber technische Mängel und nicht ausreichende Sicherheitsmaßnahmen verzögerten seine geplante Eröffnung um vier Jahre. Nach nur vier Tagen und rund 2.000 Fahrgästen wurde der Betrieb der Bahn eingestellt. Bis heute hat sich daran nichts geändert.

Im Juli 2012 war es Kurt Beck (damaliger Ministerpräsident), der zuvor noch versprochen hatte, das Projekt werde den Steuerzahler keinen Euro kosten, der die Insolvenz der Nürburgring GmbH verkündete. Am 15. Mai 2013 wurde der Nürburgring offiziell zum Verkauf angeboten. Mögliche Käufer konnten innerhalb einer Frist erste unverbindliche Angebote abgeben. Aus Angst, dass ein Privatkäufer den Nürburgring für die Allgemeinheit schließen könnte, wurde ein Schutzgesetz, das den öffentlichen Zugang zur Traditionsrennstrecke auch nach dem Verkauf sichern sollte, im Landtag beschlossen.

Am 11. März 2014 war es dann soweit, der Gläubigerausschuss kam zusammen, um den Verkauf an den Düsseldorfer Automobilzulieferer Capricorn zusammen mit dem Unternehmen GetSpeed abzusegnen. Der Nürburgring wurde in mehreren Raten für nur 77 Millionen Euro verkauft. Schon die zweite Eigenkapitalrate (die erste zahlte GetSpeed) über 5 Millionen Euro im Juli 2014 konnte Capricorn nicht zahlen und Capricorn-Chef Roberto Wild musste seine Geschäftsanteile an einen Treuhänder übertragen. Dieser Treuhänder verkaufte die Anteile an eine Holding aus „internationalen Investoren“, die aber mit Ausnahme des russischen Pharmamagnaten Viktor Charitonin unbekannt sind. Die Investoren beglichen die offenen Rechnungen und die Capricorn Nürburgring GmbH (heute Nürburgring 1927 GmbH und Co. KG) entstand. Es kehrte Ruhe ein und der Nürburgring machte wieder mit Motorsport-News auf sich aufmerksam.

Man könnte meinen, dass die Geschichte hier vorbei ist, doch Anfang 2018 verhandelte das Gericht der Europäischen Union darüber, ob der Nürburgring-Verkauf mit rechten Dingen zuging. Der damals unterlegene Bieter Nexovation (Technologie-Unternehmen) klagte, dass das Verkaufsverfahren nicht offen, transparent und diskriminierungsfrei verlaufen sei. Auch der Verein „Ja zum Nürburgring“ hat geklagt. Er hält den Verkauf der Rennstrecke auch für zu intransparent. Eine gerichtliche Entscheidung steht aus und wird bald erwartet.