Montag, 11. Dezember 2017
Motorsport XLDas Motorsport MagazinVorschau Abonnement
Kartsport Allgemein
01.12.2017

Achtung Stromschlag!

Wie vom Blitz getroffen reagiert die Kartsport-Szene nach der gestrigen Meldung, dass Deutschland 2018 die erste Elektro-Kart-Rennserie erhält. Egal ob auf der Essen Motorshow, in den sozialen Netzwerken oder auch in unserer Redaktion – überall wird leidenschaftlich über die geplante Deutsche Elektro-Kart-Meisterschaft (DEKM) diskutiert. Die verbreitete Haltung zum Thema ist überaus ablehnend. Warum eigentlich? „Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht” – so ein Sprichwort, das nicht umsonst eine typisch deutsche Charaktereigenschaft beschreibt.
 
Aber das wäre wohl zu einfach. Der Motor(sport) hat Geschichte und trotz vieler technischer Entwicklungen und Fortschritte hat sich eines nie geändert: Ein Motor „muss” laut sein, stinken und mit Benzin angetrieben werden. Das war immer schon so – und zwar seit über 130 Jahren. Und jetzt wird an etwas gerüttelt, das sich seit Carl Benz' Erfindung im Jahr 1886 bewährt hat. Das würde auch Kaiser Wilhelm I. nicht gut heißen. Trotzdem hat man auch damals schon begriffen, dass elektrisches Licht eine Alternative zur Kerze und zur Fackel sein kann.
 
Wo ist also das eigentliche Problem? Ist es nicht die Angst vor Neuem? Wir wissen nicht, welche Kosten auf uns zukommen (Wie teuer ist ein E-Kart? Was mache ich mit meinem alten Material?). Wir wissen nicht, wie die Technik funktioniert (Wie lange kann ich wirklich fahren?). Wir wissen nicht, wie die Logistik umgesetzt werden soll (Aufladestationen? Stromnetzstabilität an der Kartbahn?). Wir wissen eigentlich nichts – außer, dass es unsere jetzige, „sichere” Situation „bedroht”. Hinzu kommt die generelle politische Lage: Anhaltende Diskussionen über C02-Ausstoß, Umweltplaketten, Feinstaub, Diesel-Gate und Fahrverbote haben unsere Nerven und Geduld schon genug strapaziert. Also lehnen wir das „Monster”, das da unweigerlich auf uns zu rollt, ab.
 
Mit Ablehnung kennen wir uns im Kartsport aus – darin haben wir Übung: Die 4-Takter-Bewegung in den 2000ern haben wir „erfolgreich verhindert”, doch den Untergang der ICA-Motoren konnten wir nicht aufhalten. Die Front der KF-Motoren war 2007 einfach zu stark. Aber es hat nur zehn Jahre gedauert, bis die Kartsport-Szene auch diese Generation verdammen konnte und die Geschichte seit 2016 mit dem Kapitel der OK-Motoren weiterführt.
 
Sich gegen neue Entwicklungen zu sträuben, gehört offensichtlich genauso zum Kart- und Motorsport, wie der Lärm und der Gestank. Die Vergangenheit hat uns aber auch gelehrt, dass gewisse Dingen einfach unausweichlich sind und manchmal auch neue Wege eröffnen – wie zum Beispiel dieses komische Internet, über das heute alle sprechen.
 
Ich sehe auch absolut positive Aspekte an der E-Bewegung: Sie garantiert uns auch in Zukunft, überhaupt Motorsport zu betreiben – denn wenn wir ehrlich sind, ist es doch bei allen Klima-Debatten ein absoluter Luxus, dass wir den Sport überhaupt ausüben dürfen. Der E-Kartsport eröffnet eine weitere große Chance: Mit E-Karts können wir den Kartsport in die Stadt holen. Es ist wieder möglich, neue Kartbahnen zu bauen. Damit bringen wir den „richtigen” Kartsport und keine 5 PS-Indoorkarts ins urbane Umfeld und erreichen neue Kunden. Das ist doch eine vielversprechende Perspektive. Dass große deutsche Unternehmen wie Porsche, die Deutsche Post und die DEKRA sich plötzlich wieder im Kartsport engagieren, ist ebenfalls lobenswert. Genau das haben wir doch auch schon in den Glanzzeiten der 90er Jahre erlebt, als die Industrie sich noch mit Sponsoring, Förderprogrammen und TV-Übertragungen zum deutschen Kartsport bekannte.
 
Die Einführung der Deutschen Elektro-Kart-Meisterschaft ist ein erster Schritt auf einem Weg, der gespickt sein wird mit Problemen und Hindernissen. Was aber am Ende dabei herauskommt, ist noch nicht abzusehen, es könnte vielleicht etwas Gutes sein. Übrigens als Carl Benz seinerzeit sein Patent angemeldet hat, sagten seine kritischen Zeitgenossen: „Wenn ich einen solchen Stinkkasten hätte, würde ich zu Hause bleiben.”

Ein Kommentar von Timo Deck – MXL-Redaktion Kartsport