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Formel 1
01.11.2013

Renault Sport F1-Vorschau auf den Abu Dhabi GP

Der 17. von 19 Läufen zur Formel 1-Weltmeisterschaft 2013 gehört wegen des einzigartigen Ambientes zu den spektakulärsten Grands Prix des Jahres. Schauplatz des Großen Preises von Abu Dhabi ist der Yas Marina Circuit, der sich auf 5,554 Kilometern Länge durch den gleichnamigen Yachthafen schlängelt und dabei auch unter dem Fünfsterne-Hotel Yas Viceroy hindurch führt.

Motoren von Renault haben in Abu Dhabi seit dem Debüt des Kurses 2009 die mit Abstand meisten Erfolge abgeräumt. Der Renault RS27-V8 trug bei den vier bisherigen Ausgaben des Grand Prix zu zwei Pole Positions und drei Siegen bei. Unvergessen ist der Thriller von 2010, als Sebastian Vettel im Red Bull Racing-Renault im Showdown gegen Fernando Alonso seinen ersten von vier* Weltmeistertiteln eroberte.

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Der Yas Marina Circuit im Detail: Drei entscheidende Passagen

Turn 7
Die Grand Prix-Strecke des Emirats gilt als mittelschneller Kurs. Dennoch konzentrieren sich die Motoren-Ingenieure nicht auf die Vollgas-Passagen, sondern auf die große Menge an langsamen und mittelschnellen Kurven im hinteren Streckenteil rund um den Yachthafen. Die als Turn 7 bezeichnete Haarnadel zu Beginn des zweiten Sektors ist der langsamste Streckenpunkt; die technischen Herausforderungen ähneln der berühmten Grand Hotel Hairpin in Monaco (ehemals Loews). Das heißt: Zum einen soll der Motor effektiv mitbremsen, damit das Heck des Fahrzeugs am Kurveneingang ruhig bleibt. Zum anderen muss der Renault RS27 sehr exakt und agil auf das Gaspedal ansprechen, denn der Kurvenausgang der Haarnadel führt direkt auf die lange Gegengerade. Jede Verzögerung beim Beschleunigen kostet Topspeed und wertvolle Rundenzeit.

Gegengerade zwischen Turn 7 und 8
Die Drosselklappen des Renault RS27 sind während 58 Prozent einer Runde auf dem Yas Marina Circuit voll geöffnet. Die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt bei knapp 190 km/h und damit etwa auf dem Level von Montreal. Eine weitere Parallele: Auf der fast 1,2 Kilometer langen Gerade zwischen den Kurven 7 und 8 läuft der Renault RS27 volle 14 Sekunden lang auf Vollgas, die Autos erreichen hier Topspeeds von über 310 km/h. Entsprechend wichtig ist die korrekte Auswahl der Getriebeübersetzung. Der siebte Gang muss „lang“ genug gewählt werden, damit das Fahrzeug am Ende der Geraden und mit flach gestelltem Heckflügel-DRS eine konkurrenzfähige Endgeschwindigkeit erreicht. Andererseits verlangen die aufeinander folgenden Rechtskurven im dritten Sektor nach sehr eng gestuften mittleren Gängen, weil die Fahrer zwischen den Turns immer wieder kurze Sprints hinlegen – folglich sind hier nur kleine Drehzahlsprünge erwünscht. Die Motoren-Ingenieure sind gefordert, den optimalen Kompromiss zwischen engen Anschlüssen der Gänge und einem „langen“ Siebten herauszuarbeiten.

Turn 21
Der dritte Sektor von Turn 11 bis zur Zielkurve 21 besteht vor allem aus Rechtskurven, die im zweiten und dritten Gang genommen werden. Turn 21 ist ein typischer Vertreter dieser 90-Grad-Kurven. Das Durchschnittstempo des Sektors ist mit rund 160 km/h recht niedrig. Der Renault RS27 wird hier vor allem auf gute Fahrbarkeit abgestimmt, gleichzeitig muss er spontan viel Drehmoment liefern für die kurzen Sprints zwischen den Kehren. Ein stabiles Heck gilt in dieser Passage als Schlüssel zum Erfolg: Wenn das Auto in den langsamen Kurven auf der Strecke „klebt“, spart das wichtige Zehntelsekunden.

Der Grand Prix von Abu Dhabi aus der Sicht des Motoren-Ingenieurs: Rémi Taffin, Leiter des Renault Sport F1 Einsatzteams
„Der Yas Marina Circuit erfordert bei der Abstimmung des Motormanagements ein eher neutrales Set-up. Hier wechseln sich lange Geraden und einige enge, sehr langsame Kurven ab. Daher muss der RS27-Weltmeistermotor in allen Drehzahlbereichen optimal ansprechen.

Ein wichtiger Faktor sind die äußeren Bedingungen in Abu Dhabi. Wie zuletzt in Indien enthält die Luft auch hier jede Menge Sand und Staub. Renault Sport F1 legt den Fokus daher auch auf die Luftfilter. Sie sorgen dafür, dass keine feinen Partikel in die Zylinder gelangen und dort Schäden anrichten oder den Verschleiß beschleunigen. Je nach Bedarf müssen wir die Filter regelmäßig reinigen. Hinzu kommen die sehr hohen Außentemperaturen: Das Thermometer klettert hier tagsüber auf mehr als 30 Grad Celsius – der Motorkühlung kommt daher eine besonders große Bedeutung zu. Wenn auch nur etwas zu wenig Luft durch die Kühler strömt, kann dies den Temperaturhaushalt schon durcheinander bringen.

Von ebenso großer Bedeutung ist der Benzinverbrauch. Dieser ist auf dem Yas Marina Circuit aufgrund des Stop-and-Go-Charakters höher als auf vielen anderen Formel 1-Rennstrecken. Das gilt vor allem für den ersten und den letzten Streckenabschnitt. Der hohe Luftdruck an der Strecke – die bekanntlich auf Meereshöhe liegt – verstärkt diesen Effekt nochmals. Eine weitere Besonderheit des Yas Marina Circuit: Im Laufe des Tages verändert sich die Strecke, was wir natürlich bei der Wahl des Set-ups berücksichtigen müssen. Der Start erfolgt nachmittags bei Sonnenschein und Temperaturen von rund 30 Grad Celsius. Im Laufe des Rennens wird es jedoch dunkel und das Thermometer fällt auf etwa 20 Grad. Dadurch verändert sich nicht nur das Grip-Niveau des Asphalts, sondern auch die Anforderungen an Motorkühlung und Ansprechverhalten des Motors. Auch der Verbrauch wird dadurch beeinflusst. Bei höheren Außentemperaturen ist er geringer, sobald das Thermometer jedoch gegen Abend fällt, steigt der Verbrauch. Denn aufgrund des höheren Sauerstoffgehaltes in der Luft kann der Motor mehr Kraftstoff verbrennen. Diese Parameter müssen wir bei der Abstimmung des Motormanagements mit im Hinterkopf behalten.

Gleichwohl freuen wir uns natürlich sehr auf dieses Rennen, das so viele unterschiedliche Herausforderungen bereithält. Nach dem Großen Preis von Indien ist die Vorentscheidung in der Fahrer- und der Konstrukteurswertung bereits gefallen*. Aber der Kampf um den Vize-Weltmeistertitel bei den Herstellern ist weiterhin spannend. Wir werden alles dafür tun, um Lotus F1 zum zweiten Platz zu verhelfen. Und auch Williams und Caterham können bei den noch ausstehenden drei Rennen weitere wichtige Punkte sammeln. Daher werden wir so lange voll konzentriert zu Werke gehen, bis beim letzten Grand Prix in Brasilien die schwarz-weiß-karierte Flagge geschwenkt wird.“

Fakten zum Yas Marina Circuit, Abu Dhabi
  • Länge (km): 5,554
  • Durchschnittsgeschwindigkeit im Rennen (km/h): 188
  • Topspeed (km/h): 312
  • Vollgasanteil (%): 58
  • Kraftstoffverbrauch (kg pro Runde): 2,5
  • Kraftstoffverbrauch (Liter pro 100 km): 64
* vorbehaltlich der Bestätigung durch den Automobil-Weltverband FIA.
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