Montag, 18. November 2019
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Sportwagen Allgemein
14.10.2019

Meisterporträt Earl Bamber und Laurens Vanthoor

Wir schreiben das Jahr 2016. In den engen Straßen der chinesischen Sonderverwaltungszone Macau treffen Earl Bamber und Laurens Vanthoor erstmals aufeinander. Beim GT-Weltcup steuert Bamber einen Porsche 911 GT3 R, Vanthoor einen Audi R8. Beim Finale um den Titel überholt der Porsche-Werksfahrer seinen belgischen Kontrahenten mit einem spektakulären Manöver, liegt in Führung. Wenige Kurven später verliert Vanthoor die Kontrolle über sein Fahrzeug, kracht in die Mauer neben der Strecke. Funkensprühend rutscht er auf dem Dach liegend über die Strecke. Bilder, die um die Welt gehen. Das Rennen wird abgebrochen und nicht wieder gestartet, die Runde vor dem Unfall gewertet. Vanthoor gewinnt den Titel, Bamber den Respekt seines Rivalen.

Heute sind beide Porsche-Werksfahrer – seit zwei Jahren Teamkollegen, beste Freunde und nun Champions der IMSA WeatherTech SportsCar Championship. Mit Platz fünf beim abschließenden Rennen der Saison 2019 haben der zweifache Le-Mans-Gesamtsieger Earl Bamber (Neuseeland) und Laurens Vanthoor (Belgien) ihre perfekte Zusammenarbeit mit dem Gewinn des Fahrertitels in der GTLM-Klasse gekrönt. Das erfolgreiche Duo im Porsche 911 RSR mit der Startnummer 92 feierte Siege in Long Beach, Mid-Ohio (beide USA) sowie im kanadischen Bowmanville und stand zudem bei den Rennen in Daytona, Lime Rock, auf der Road America und auf dem Virginia International Raceway auf dem Podest.


Respekt auf allen Ebenen: Für Eitelkeiten ist kein Platz

Den Respekt, den beide drei Jahre zuvor bei ihrem ersten Aufeinandertreffen gewonnen haben, ist in der Zusammenarbeit weiter gewachsen. „Genau das ist eines unserer Erfolgsrezepte“, sagt Vanthoor, dem Bamber den Spitznamen Larry verpasst hat. „Earl und ich haben höchsten Respekt voreinander. Wir sagen uns jederzeit alles ganz offen, haben keine Geheimnisse. Natürlich haben auch wir das typische Rennfahrer-Gen in uns. Jeder von uns will schneller sein als alle anderen. Aber in unserer Zusammenarbeit spielt solches Konkurrenzdenken keine Rolle. Für Eitelkeiten ist bei uns kein Platz. Wir haben beide unsere Stärken. Wenn wir diese voll einbringen, sind wir gemeinsam umso erfolgreicher.“

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Der 28-jährige Belgier mit Wohnsitz in der Nähe der Porsche-Heimat Stuttgart und der ein Jahr ältere Neuseeländer mit Lebensmittelpunkt in Kuala Lumpur (Malaysia) harmonieren auf und neben der Strecke perfekt. „Und das, obwohl wir recht unterschiedlich sind“, sagt der Porsche-Supercup-Champion von 2014, Earl Bamber. „Dennoch verbindet uns eine sehr enge Freundschaft, die weit über unsere gemeinsamen Einsätze als Werksfahrer von Porsche hinausgeht.“ 

Vanthoor und Bamber haben in der Saison 2019 fast 20 Rennen und Tests zusammen bestritten, dabei viel gemeinsame Zeit in Hotels, an Rennstrecken und in Flugzeugen verbracht. „Trotzdem kommt Earl in seiner Freizeit immer bei uns zum Essen vorbei, wenn er in Stuttgart ist. Sogar in meinem Urlaub mit der Familie war er ein paar Tage mit uns zusammen“, sagt Vanthoor. „Manchmal frage ich mich, wen ich häufiger sehe: meine Frau oder Earl? Das ist schon außergewöhnlich. Und es ist schön so. So schön, dass Porsche große Mühe haben wird, uns als Fahrerduo jemals zu trennen.“


Funke der Freundschaft springt auf Fans über

Auch ihr Ausdauertraining bestreiten die frischgebackenen Champions häufig gemeinsam. In der heimischen Werkstatt der Familie Vanthoor baute der Belgier für seinen Kollegen ein Custom-Rennbike auf. Und so geht es auf Tour. „Bei diesen gemeinsamen Ausflügen auf dem Rad haben wir immer viel Spaß. Wir verbringen privat mehr Zeit zusammen als andere Fahrerduos. Wenn wir losziehen, dann passieren schon manchmal Dinge, die besser nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollten“, sagt Vanthoor mit einem Schmunzeln und ergänzt: „Bei uns beiden ist es wie in einer Ehe. Wir mögen und respektieren uns, sind aber nicht immer der gleichen Meinung. Doch damit können wir umgehen. Wir finden immer eine Lösung, mit der wir beide leben können. Das macht uns stark.“

Die besondere Beziehung der Porsche-Werkspiloten, die seit 2018 gemeinsam in der nordamerikanischen Sportwagenserie fahren, kommt auch bei den Fans bestens an. „Das wird dadurch deutlich, dass es mittlerweile den recht weit verbreiteten Hashtag #BamThor gibt“, schildert Vanthoor, der beim Einsatz des Meisterduos bei allen Rennevents für das Qualifying zuständig ist. „Diese Idee kam gar nicht von uns selbst, sondern aus Fankreisen. Die Leute merken, dass wir gut harmonieren und eine enge Freundschaft pflegen. Wir haben das dankbar übernommen“, sagt Bamber. Unter dem Label „#BamThor“ vertreiben die beiden Porsche-Piloten mittlerweile eigenes Merchandising-Material für die Fans, die bereits gespannt auf ein Meisterschaft-Shirt warten.