Viele haben schon einmal vom umgangssprachlich so genannten „Industriepool“ am Nürburgring gehört – aber was wirklich dahinter steckt, wissen die wenigsten…
Ingo Böder: „Dahinter stecken offiziell die ‘Nürburgring Test- und Entwicklungsfahrten‘ – ein Zusammenschluss des Nürburgrings mit den Automobilherstellern und Zulieferern der Automobilindustrie, die ihre Fahrzeuge und Produkte am Nürburgring gezielt testen und weiterentwickeln. Über das Jahr verteilt stellen wir hierfür insgesamt 17 Wochen lang exklusiv die Nordschleife zur Verfügung. Das ist kein Marketingevent, sondern echte Ingenieursarbeit. Hier wird geprüft, verfeinert und verbessert – von Fahrwerk bis Software. Man kann sagen: Die Nordschleife ist das längste Labor der Automobilindustrie unter freiem Himmel.”Warum ist der Nürburgring für die Fahrzeugentwicklung bis heute so bedeutend?
Christian Stephani: „Weil die Nordschleife alles bietet, was ein Fahrzeug im Alltag und im Grenzbereich erleben kann – nur konzentrierter. Unsere Strecke liefert die ideale Basis: Rund 21 Kilometer, 73 Kurven, bis zu 18 Prozent Steigung, 11 Prozent Gefälle, wechselnde Asphaltarten und Witterungsbedingungen. Ein gefahrener Kilometer Nordschleife entspricht in der Belastung des Fahrzeugs bis zu zwanzig Kilometern auf normalen Straßen. Hier werden Schwachstellen ausgemerzt und Potenziale gefunden, bevor das Auto in Produktion geht und somit in die Hände der Kunden. Ein Produkt, das auf der Nordschleife besteht, besteht auf jeder anderen Straße. Deshalb ist auch nahezu jedes Fahrzeug oder zumindest eine der verbauten Komponenten auf der Nordschleife getestet worden. Und daher kommt auch der Leitspruch: „Jeder lobt, was Nürburgring-erprobt“, der bereits in den Anfängen unserer Rennstrecke so formuliert wurde und bis heute gilt.”Wie muss man sich diese Test- und Entwicklungswochen konkret vorstellen?
Ingo Böder: „Während der Test- und Entwicklungswochen kommen die Hersteller mit ihren Entwicklungsfahrzeugen und Teams an den Nürburgring. Fahrer, Ingenieure, Datentechniker und Mechatroniker arbeiten hier Hand in Hand. In dieser Zeit entsteht ein kleines, hochspezialisiertes Ökosystem – und damit auch ein wirtschaftlicher Impuls für die Region. Viele Hersteller haben in den angrenzenden Gewerbegebieten eigene Stützpunkte eingerichtet, in denen die Fahrzeuge vorbereitet und analysiert werden, wenn sie nicht auf der Strecke unterwegs sind. Dreh- und Angelpunkt der Testarbeit auf der Nordschleife ist das Gebäude der sogenannten T13 und der operative Bereich vor dieser ehemaligen Tribüne, die dem ganzen Areal bisher seinen Namen gab. Technische Betreuung, Datenauswertung, Abstimmung und Start der Testfahrten laufen hier zusammen. Hier sind die Teams stationiert, die im Hintergrund die Entwicklungsarbeit begleiten. Deshalb werden wir diesen Bereich über den Winter auch deutlich aufwerten.Was bedeutet die Aufwertung der „T13“?
Christian Stephani: Wir möchten der Arbeit, die dort geleistet wird, einen entsprechenden Rahmen bieten. Immerhin kommt hier – von der Außenwelt abgeschirmt – von der internationalen Ingenieurskunst bis zur Mobilität der Zukunft vieles zusammen, was die hochwertigen Produkte der Automobil- und Zuliefererindustrie ausmacht. Die Test- und Entwicklungsfahrten waren auch einer der Gründe, warum wir mit der vollständigen Digitalisierung der Nordschleife die Sicherheit auf ein neues Niveau gehoben haben. Für unsere Industriepartner bedeutet das: mehr Sicherheit, mehr Effizienz und langfristig stabile Rahmenbedingungen für die Test- und Entwicklungswochen auf einer Strecke, die in Teilen uneinsehbar und extrem anspruchsvoll ist.
Nun steht die „T13“ im Fokus: Nach der bereits erfolgten Ausstattung der ehemaligen Tribüne mit Photovoltaik und der Installation von Schnellladesäulen durch unseren Partner AVIA gehen wir die nächsten Schritte der Weiterentwicklung. In den nächsten Wochen sollen die Arbeitsbedingungen vor Ort für die Mitarbeiter der Unternehmen verbessert werden. Dazu werden die Räumlichkeiten des Gebäudes komplett entkernt und modernisiert. Darüber hinaus wird der Asphalt im Bereich der „T13“ erneuert und auch die Außendarstellung soll dem Thema in Zukunft gerecht werden.”





