Die neue Formel-1-Saison wird eine echte Wundertüte. Das Reglement schreibt dann einen höheren Elektroanteil (50/50) bei den Motoren, 100 Prozent nachhaltigen Kraftstoff sowie kleinere (Breite von 200 auf 190 cm) und leichtere (-30 kg) Autos vor. Was versprechen Sie sich davon?
„Ich glaube nicht, dass wir jetzt auf einmal alle Teams dicht beieinander erleben werden. Diese Form von Spannung sicher nicht, denn manche machen ihre Hausaufgaben besser als andere. Nach allem, was ich so höre, macht Mercedes beim Powertrain einen sehr guten Job. Also die dürften wieder vorne mit dabei sein. Auch für Ferrari sieht es ganz gut aus. Dagegen dürfte es Audi deutlich schwerer haben. Und bei Red Bull sehe ich noch ein Fragezeichen. Passt der neue Ford-Motor, basierend auf dem Honda-Triebwerk, mit den Red Bull-Ideen zusammen? Da bin ich sehr gespannt.”Neben Audi, die für Sauber übernehmen, wird es ein zweites neues Rennteam geben. Was erwarten Sie von Cadillac?
„Ehrlich gesagt noch nicht allzu viel, da sie zunächst mit Ferrari-Power-Units fahren. Es wird erst interessant, wenn Cadillac ab 2029 mit einem eigenen Powertrain kommt. Aber sie stellen aktuell ein gutes Team zusammen und investieren auch eine Menge, wie mit dem neuen Hauptquartier. Und dass sie ein Top-Auto hinstellen können, haben Sie in der WEC (Anm. d. Red.: Langstrecken-WM) gezeigt. Ich denke, das wird schon funktionieren.”Wer könnte für eine Überraschung sorgen?
„Also mich würde wirklich überraschen, wenn der Red Bull vom Motor her gleich vorne mit dabei wäre. Beim Chassis mache ich mir weniger Sorgen, aber ich vermute, dass dem Auto am Anfang ein wenig Leistung fehlen wird. Und wenn Audi gleich zu Beginn über das Mittelfeld hinauskommt, wäre das für mich auch überraschend.”In der neuen Saison starten elf Teams – also 22 Fahrer statt zuvor 20. Hat das irgendwelche Auswirkungen?
„Im Rennen auf den meisten Strecken sicher nicht. Höchstens auf einem Stadtkurs wie Monaco, wo man jetzt schon kaum Überholmöglichkeiten hat. Eine Gefahr sehe ich jedoch im Qualifying. Da kommen die Jungs oft in der letzten Kurve vor Start und Ziel fast zum Stehen. Wenn dann einer auf seiner schnellen Runde von hinten angeflogen kommt, wird es schnell eng. In so einem Fall kann jedes Auto mehr zu viel sein, aber per se habe ich mit 22 Fahrern kein Problem.”Die Formel 1 war immer wieder Vorreiter bei technischen Neuerungen, auch für Straßenfahrzeuge. Sehen Sie aktuell eine Entwicklung, die in Kürze auch in Serienautos eingesetzt werden könnte?
„Im Augenblick geht es da vor allem um Softwareentwicklung im Bereich Hybridisierung, also beispielsweise um Verbesserungen im Ladebereich und der Rekuperation, die zukünftig in die Serie kommen. Und man darf nicht vergessen: Wir fahren nächste Saison mit E-Fuels! Das ist ein Feld, welches wir als AvD seit Langem pushen und noch deutlich stärker auch für die längerfristige Nutzung der aktuellen Straßenfahrzeuge berücksichtigt sehen wollen. Ja, es ist aktuell noch teuer, aber über Massenproduktion und sinkende Kosten für erneuerbaren Strom ließe sich das regeln. Unterm Strich bliebe ein klimaneutraler Antriebsstoff für die Bestandsflotte und bestehende Infrastruktur.”Mit Madrid kommt ein weiteres Stadtrennen in den Kalender, dafür scheidet die Traditionsstrecke Imola aus. Was ist das Besondere an Stadtrennen?
„Naja, für die Zuschauer ist das natürlich genial. So dicht dran ans Auto, wie bei einem Stadtkurs, kommt man sonst nicht. Das sind dann Emotionen pur. Auf der anderen Seite bedeutet das aber auch besondere Anforderungen an die Fahrer. Die müssen zwei Stunden hochkonzentriert sein und können nicht mal eben über den Randstreifen fahren. Der kleinste Fehler bedeutet dann das Aus!Nehmen wir als Beispiel Monaco. Da hat man eigentlich nur zwei Stellen, wo man überholen kann, und da muss der andere mitspielen. Wenn man ehrlich ist: Überholen, wenn der andere mitspielt, ist nicht so wirklich überholen. Daher lieben die Fahrer eher Strecken wie Suzuka oder Spa-Francorchamps, wo es Highspeed-Kurven gibt und sie auch richtig angreifen können.”
Seit 2023 umfasst der Rennkalender 24 Rennen – es gab nie mehr. Wird er zukünftig weiter anwachsen?
„Da gibt es sicher zwei Sichtweisen. Für Liberty Media, also die Rechteinhaber, und auch aus Veranstaltersicht gibt es natürlich das Bestreben, mehr Umsatz zu machen und mehr Geld ausschütten zu können. Das spricht also für mehr Rennen und ich glaube auch, dass man die F1 gerne in diese Richtung entwickeln will. Das Beispiel hierfür ist die NASCAR in den USA mit 36 Rennen im Jahr. Aktuell hat man in der F1 noch eine Urlaubspause im August und man muss auch bedenken, dass die Teams ohnehin mit zwei vollen Fahrzeugcrews arbeiten. Besonders Personal, das stark körperlich arbeitet, soll hier entlastet werden und das hat auch einen Sicherheitsaspekt. Aber daraus ergibt sich Freiraum für mehr Rennen. Zudem gibt es seit einiger Zeit eine hohe Nachfrage, vor allem aus dem asiatischen Raum und dem Mittleren Osten. Aktuell hat man mehr Bewerber als Plätze in der Weltmeisterschaft und es gibt bereits erste Überlegungen hinsichtlich einer Rotation. Frankreich hat sich schon zurückgezogen, die Niederlande hat nächstes Jahr noch einen Grand Prix und geht dann raus. Also vielleicht ist so ein regelmäßiger Wechsel auch eine Chance für die Traditionsstrecken.”Wann wird es wieder ein Rennen in Deutschland geben und was muss dafür geschehen?
„Das Problem ist, dass die Formel 1 in den letzten Jahren, auch durch Promotionsaktivitäten wie die Netflix-Dokus, einen extremen Zuspruch erfahren hat. Dadurch hat sich alles deutlich verteuert.Ich habe die letzten drei deutschen Grand Prix als Chef noch begleiten dürfen und weiß daher ziemlich genau, was der Spaß kostet. Allein schon die Lizenzgebühren und etwaige Sicherheitskosten für solch eine Veranstaltung sind über die einzige Einnahmequelle, nämlich die Eintrittskarten, nicht zu decken. Hinzu kommt, dass sie in Deutschland für die Fahrer eine Quellensteuer abführen müssen. Und das, obwohl die alle woanders leben und nur vier Tage in Deutschland arbeiten. Das steht im krassen Gegensatz zu allen anderen Austragungsstätten, wo die Länder nicht die Hand aufmachen, sondern es sogar eine staatliche Förderung gibt.”




